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2. Sonderpädagogischer Förderbedarf

Sonderpädagogischer Förderbedarf ist bei Kindern und Jugendlichen anzunehmen, die aufgrund einer Sehschädigung in ihren Entwicklungs-, Lern- und Bildungsmöglichkeiten so eingeschränkt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht hinreichend gefördert werden können. Dabei können medizinisch-therapeutische, pflegerische, technische, psychologische, soziale Maßnahmen in oder außerhalb der Schule notwendig sein. Hierbei ist eine Abstimmung der verschiedenen Maßnahmen und Hilfen anzustreben, deren Ergebnis in ein pädagogisches Förderkonzept eingearbeitet werden soll. Sonderpädagogischer Förderbedarf ist auch in Abhängigkeit von den Aufgaben und den Anforderungen sowie im Zusammenhang mit den Fördermöglichkeiten der jeweiligen Schule unter den konkreten schulischen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zu sehen.
Entwicklung und Lernen werden in vielen Fällen maßgeblich erschwert, wenn neben der Sehschädigung andere Behinderungen auftreten, wie z.B. eine geistige Behinderung, eine Körperbehinderung, eine Sprachbehinderung oder eine Hörbehinderung (Taubblindheit). Bei Schülerinnen und Schülern mit Problemen im Verhalten ist eine besonders enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule und anderen Fachdiensten erforderlich.
Dem sonderpädagogischen Förderbedarf Sehgeschädigter wird in unterschiedlichen Aufgabenfeldern der Förderung entsprochen:
Begriffsbildung und kognitives Lernen
Sehschädigungen beeinflussen die Entwicklung des kognitiven Lernens, insbesondere die Begriffsbildung. Hier werden besondere Methoden benötigt, wie z.B. Zuhörtechniken und Wahrnehmungsstrategien, die das Nutzen taktiler, akustischer, kinästhetischer, gustatorischer oder olfaktorischer Informationen erleichtern. Die Entwicklung der Begriffsbildung kann umfassen:
Wahrnehmung von Dingen,
Erkennen und Wiedererkennen von wichtigen Merkmalen der Dinge,
sprachliche Etikettierung von Dingen und ihren Merkmalen,
Erkennen der Relationen von Dingen und Personen,
Erfassen von Situationen,
gedankliche Repräsentation von Situationen.
Kognitives Lernen bei sehgeschädigten Kindern und Jugendlichen wird erleichtert durch spezielle Arbeitstechniken und Hilfsmittel wie Notizenmachen von Tonbandaufzeichnungen oder Vorgelesenem, Ertasten und Interpretieren von taktilen Karten, Schaubildern, Diagrammen und Modellen, vor allem aber durch ein strukturiertes, der Sehschädigung angemessenes Unterrichtsangebot.
Vermittlung von Schrift und Kommunikationstechniken
Bünde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler benötigen im Umgang mit der Schriftsprache spezifische Unterrichtsmethoden. Dazu gehören besondere Verfahrensweisen und spezielle Schriftsysteme sowie entsprechende Hilfsmittel und Materialien, die individuell auszuwählen und aufzubereiten sind. Die Entscheidung über die Auswahl blindenspezifischer oder sehbehindertenspezifischer Modifikationen ist besonders in der Phase des Schriftspracherwerbs von zentraler Bedeutung. Hierbei ist auf den Einzelfall bezogen abzuwägen, ob eine Kombination aus den beiden unterschiedlichen Zugangsweisen angezeigt ist.
Blindenschriftsysteme wie Vollschrift, Computerbraille, Eurobraille, Kurzschrift, Stenographie, Mathematik-, Chemie- und Musikschrift sind Beispiele für Varianten der Punktschrift; sie können für den jeweiligen Verwendungszweck ausgewählt und genutzt werden.
Der Einsatz moderner Elektronik, z.B. Scanner, Personalcomputer, Braille-Zeile oder Sprachausgabe sowie computergestützte Schnelldrucker für Punktschrift, ermöglicht es sehgeschädigten Menschen, einen schnellen, zuverlässigen und umfassenden Zugang zu gedruckten Veröffentlichungen für Sehende zu erlangen. Die Einführung in den Umgang mit diesen Systemen muss auf die individuelle Sehschädigung abgestimmt sein. Die Hinführung zum Einsatz elektronischer Hilfsmittel ist für sehgeschädigte Schülerinnen und Schüler von zukunftsweisender Bedeutung.
Sehbehinderte Schülerinnen und Schüler arbeiten in der Regel mit den bei Sehenden üblichen Schriftsystemen. Dies erfordert in vielen Fällen eine Modifikation von Schriftgröße, Kontrast und gegebenenfalls den Einsatz von speziellen Leuchten, optischen und elektronischen Hilfsmitteln wie Brillen, Lupen, Fernrohrlupenbrillen, Bildschirmlesegeräten, Computern mit speziellen Peripheriegeräten und eigener Software.
Bei blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern mit mehreren Behinderungen ist der Erwerb von Schrift- und Kommunikationstechniken in besonderer Weise erschwert. Für blinde Leserinnen und Leser mit herabgesetzter Tastsensibilität der Fingerspitzen, etwa als Folge einer Diabetes, ergeben sich besondere Probleme beim Ertasten der Punktschrift. Für blinde Menschen ohne Hände sind Modifikationen notwendig, vor allem Techniken, mit den Lippen oder mit den Zehen Punktschrift zu lesen. Treten Sehschädigung und Hörschädigung gemeinsam auf, werden nach Maßgabe des vorhandenen Seh- und Hörvermögens seh- und hörgeschädigtenspezifische Techniken kombiniert oder neue Medien und Methoden entwickelt.
Bei Taubblindheit muss die Kommunikation ohne Hilfe des Hör- und Sehvermögens angebahnt werden; auch hier finden taubblindengemäße Methoden und Techniken wie Hand- beziehungsweise Fingeralphabete ihre Anwendung.
Bei von Geburt an taubblinden Kindern und Jugendlichen ist Sprachanbahnung durch individuell abgestimmte spezielle Methoden von Lehrkräften zu vermitteln, die dafür entsprechende Befähigungen erworben haben. Modifikationen dieser speziellen Techniken sind erforderlich, wenn im Einzelfall zusammen mit der Hör- und Sehschädigung eine geistige Behinderung besteht oder wenn entweder eine Hörschädigung oder eine Sehschädigung mit geistiger Behinderung vorliegt. Bei Kindern und Jugendlichen mit schwerer Mehrfachbehinderung treten basale Stimulations- und Kommunikationsformen in den Vordergrund.
Förderung Lebenspraktischer Fertigkeiten
Der Bereich Lebenspraktische Fertigkeiten umfasst eine Vielzahl von speziellen Hilfen und Trainingsangeboten, die es blinden und sehbehinderten Menschen ermöglichen, den Alltag sicher und selbstständig zu bewältigen. Bei der Förderplanung wird die aktuelle Lern- und Lebenssituation des Einzelnen, etwa in Bezug auf die Auswahl von Inhalten und Techniken aus dem breiten Spektrum der Möglichkeiten, berücksichtigt.
Nicht allem Lernbedarf im Bereich Lebenspraktische Fertigkeiten kann die Schule entsprechen. In Kooperation aller Beteiligten wird versucht, spezielle Bedürfnisse durch schulische und außerschulische Kursangebote zu erfüllen. Der Schule fällt eine beratende Funktion bei der individuellen Auswahl der Lerninhalte oder bei der Kontaktaufnahme zu anderen Maßnahmeträgern zu. Beispiele für Bereiche und alltägliche Verrichtungen sind:
Kochen, Essensfertigkeiten, Haushaltspflege, Nähen
Kleiderpflege, Körperpflege, häusliche Reparaturen, Kommunikationsfertigkeiten.
Bei jüngeren sehgeschädigten Kindern wird mit einfachen, altersentsprechenden Grundfertigkeiten aus verschiedenen Bereichen wie Bewegungserziehung oder mit sensorischen Übungen begonnen.
Bei einer Sehschädigung, die mit einer Hörschädigung auftritt, sind modifizierte Arbeitstechniken und Medien erforderlich, ebenso ist die Auswahl der Hilfsmittel und Methoden zu berücksichtigen. Bei Taubblindheit werden spezielle Hilfsmittel eingesetzt, die weder Sehen noch Hören erfordern. Beispiele sind: Weck- und Rufvibratoren anstelle akustischer oder optischer Signalgeber sowie Windschellen, die eine Türglocke ersetzen. Das Taubblinden-Telefon ermöglicht die Übermittlung von Nachrichten in Punktschrift über Telefonleitung. Für die Kommunikation mit sehenden Partnern steht ein Bildschirmgerät zur Verfügung, auf dem die Mitteilung des taubblinden Gesprächspartners erscheint. Mithilfe einer eigenen Tastatur werden taubblinden Menschen Informationen übermittelt.
Ist die Sehschädigung bei einem Kind oder Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung verbunden, stehen motorische und sensorische Grundfertigkeiten im Mittelpunkt der Förderung. Bei der Auswahl der Übungsfolgen wird beachtet, an Situationen anzuknüpfen, die eine elementare Bedürfnisbefriedigung ermöglichen. Die bei der Förderplanung ausgewählten Methoden und Techniken werden nach sorgfältiger Abstimmung im familiären und im schulischen Umfeld, gegebenenfalls im Internat, vermittelt. In der Schule ist die Förderung im Bereich Lebenspraktische Fertigkeiten fächerübergreifendes Prinzip, besonders in Unterrichtsfächern wie Sachkunde, Hauswirtschaft, Textiles Gestalten, Technisches Werken sowie in einer ganzheitlich konzipierten Ästhetischen Erziehung. Das Erlernen der notwendigen blinden- beziehungsweise sehbehindertenspezifischen oder taub-blindengemäßen Modifikationen der einzelnen Techniken sowie das Erlernen des Gebrauchs entsprechender spezieller Hilfsmittel gehören zum sonderpädagogischen Förderbedarf blinder, sehbehinderter oder taubblinder Kinder und Jugendlicher.
Förderung der Orientierung und Mobilität
Orientierung und Mobilität sind zentrale Bereiche der speziellen Förderung blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher. Orientierung ist die Fähigkeit, mithilfe aller Sinne die Position im Raum sowie die Beziehung zu den Objekten und Personen in der Umgebung zu bestimmen. Mobilität hat die geistige Orientierung zur Voraussetzung und ist Fähigkeit und Fertigkeit, sich im Raum zielgerecht zu bewegen. Orientierungs- und Mobilitätstechniken sind eng aufeinander bezogen; ein erfolgreiches, wirksames Fortbewegen setzt Training in beiden Bereichen voraus. Die Entwicklung von blinden- oder sehbehindertengemäßen Zeit- und Raumvorstellungen ist für eine selbstständige Fortbewegung notwendig.
Förderung der Orientierung und Mobilität geschieht hauptsächlich auf vier Gebieten:
Gehen mit einem sehenden Begleiter,
Gehen mit dem Langstock,
Gehen mit dem Führhund,
Benutzung elektronischer Führhilfen.
Wichtige Förderaspekte im Orientierungs- und Mobilitätsbereich sind:
Nutzung eines noch vorhandenen Sehvermögens,
Sensibilisierung der übrigen Sinne,
Entwicklung von Konzepten zur Orientierung in der Umwelt,
Schutz des eigenen Körpers,
Aufbau von Mut und Selbstvertrauen.
Für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche mit zusätzlichen Behinderungen gibt es modifizierte Konzepte der Förderung von Orientierung und Mobilität. Sehgeschädigte Menschen ohne Hände müssen z.B. auf die Grundtechnik des Gehens mit dem Langstock verzichten. Dafür werden sie gegebenenfalls im Gebrauch elektronischer Führhilfen oder im Umgang mit einem Führhund geschult. Für blinde Rollstuhlbenutzer gibt es Programme für ein Orientierungs- und Mobilitätstraining in typischen Alltagssituationen. Die kombinierte Seh- und Hörschädigung einer Schülerin oder eines Schülers engt die Möglichkeiten der selbstständigen Fortbewegung ein, da die üblichen, für sehgeschädigte Menschen entwickelten Lernprogramme ganz wesentlich auf die Ausnutzung akustischer Wahrnehmungen ausgerichtet sind. Bei geistiger Behinderung müssen die Lernmöglichkeiten des Kindes oder Jugendlichen und die Motivation in besonderer Weise berücksichtigt werden.
Orientierung und Mobilität als Aufgaben der Schule sind einerseits fächerübergreifendes Prinzip; Bewegungserziehung, Sinnesschulung, Begriffsbildung oder Sport liefern wichtige Beiträge. Andererseits gibt es Teilbereiche der Orientierung und Mobilität, die als Kurs in Form eines individuellen Orientierungs- und Mobilitätstrainings angeboten werden.
Ästhetische Erziehung
Für sehgeschädigte Schülerinnen und Schüler sind Körperwahrnehmung und das Ansprechen aller Sinne besonders entwicklungsfördernd. Rhythmik, Bewegungserziehung, Sport, Rollenspiel, Tanz und Theater sind insgesamt bedeutsam für die persönliche und soziale Entwicklung. Darüber hinaus können sie Sicherheit in der Bewegung, der Körperbeherrschung und der Körperhaltung fördern.
Musik und Tanz haben für sehgeschädigte Schülerinnen und Schüler einen hohen Stellenwert. Zunehmend wird auch die Bedeutung des bildnerischen Gestaltens mit spezifischen Materialien für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche erkannt.
Ästhetische Befriedigung und emotionales Wohlbefinden sind Grundanliegen der Ästhetischen Erziehung. Sie erweisen sich auch als wesentliche Faktoren einer länger andauernden Seh- und Arbeitsleistung. Für sehgeschädigte Kinder und Jugendliche ist es wichtig, dass kreative Impulse in den künstlerisch-musischen Unterrichtsfächern geweckt und dass die einzelnen Inhalte nicht isoliert voneinander angeboten werden. Es gilt einen ganzheitlichen Ansatz zu finden, in dem die verschiedenen Angebote wie Töpfern, Malen, Tanzen, Basteln, Gestalten aufeinander bezogen sind. Auf diese Weise können die ästhetischen Bedürfnisse beachtet, das emotionale Wohlbefinden gefördert und damit die kreative Selbstentfaltung gestärkt werden.
Seherziehung
Seherziehung ist Unterrichtsprinzip. Sie weckt die noch nicht entwickelte Sehfähigkeit und berücksichtigt das vorhandene Sehvermögen. Sie geschieht durch die Einbeziehung anderer Sinne. Seherziehung fasst auf diagnostischer Grundlage die pädagogischen Bemühungen zusammen, um sehgeschädigte Kinder und Jugendliche zu befähigen, mit ihrem Sehvermögen umzugehen. Dies gilt für alle Grade der Sehschädigung. Dabei sind die räumlichen und medialen Bedingungen so zu gestalten, dass Seherziehung in entspannter Atmosphäre zur bestmöglichen Nutzung des Sehvermögens führen kann.
Eine ganzheitliche, individuelle Seherziehung dient der Steigerung der visuellen Leistungsfähigkeit. In den pädagogischen Bereich der Seherziehung fallen überwiegend Übungen, die eine Beeinflussung der psychischen Komponente des Sehvorgangs erstreben: Übungen zur visuellen Aufmerksamkeit und Konzentration, zur Stärkung des visuellen Gedächtnisses, zum schnellen und präzisen Erfassen von Objekten und Situationen, zur Farbdifferenzierung, zum Entfernungs- und Größenschätzen sowie zur Wahrnehmung der sprachbegleitenden Kommunikation, z.B. Körpersprache, Mimik, Gestik.
Zur Seherziehung gehört auch die Anleitung zum Umgang mit Belastungen, die bei sehgeschädigten Menschen dadurch entstehen, dass die Personen des Umfelds in der Regel nicht auf Sehprobleme eines Kommunikationspartners eingestellt sind.
Für das Aufgabenfeld der schulischen Förderung schwer mehrfachbehinderter Schülerinnen und Schüler ist eine weitere Ausdifferenzierung und Intensivierung der sonderpädagogischen Maßnahmen erforderlich. Diese Kinder und Jugendlichen benötigen zur Sicherung ihrer existenziellen Grundbedürfnisse basale Erfahrungen als Voraussetzung für Lernen und Entwicklung. Bei der Förderung der basalen Funktionen wird in einem dialogischen Prozess Zugang zu den Bildungsinhalten ermöglicht. Kinder und Jugendliche mit schwerer Mehrfachbehinderung sind in verschiedenen Entwicklungsbereichen beeinträchtigt. Sie brauchen in der Regel körperliche Nähe, um andere Menschen und Dinge wahrnehmen und mit ihnen in Beziehung treten zu können. Dafür müssen alle möglichen Sinne angesprochen werden, vor allem die Sinne der Haut, des Geruchs, des Geschmacks, des Gesichts, des Gehörs und des Tastens sowie die Tiefensinne. Die Kinder und Jugendlichen sollen für Sinneswahrnehmung aufgeschlossen werden, sie sollen Sinnesreize bemerken und beantworten, Handlungen wiederholen, dabei Gewohnheiten ausbilden und selbst durch Sinneswahrnehmung aktiv werden. Schülerinnen und Schüler mit schwerer Mehrfachbehinderung benötigen Menschen, die ihnen die Umwelt auf elementare Weise vermitteln und ihnen Lageveränderung und Fortbewegung ermöglichen, insbesondere durch die Förderung des Körpererlebens, der Körperhaltung, der Kopf- und Rumpfkontrolle, des Sitzens, Stehens und Gehens. Sie brauchen Bezugspersonen, die sie in ihren individuellen Ausdrucksformen auch ohne Lautsprache verstehen und die durch grundlegende Kommunikationsmittel wie Symbole, Geräusche, Zeichen und Gebärden eine sprachliche Beziehung aufbauen.