Inhalt

1.  Ausgangslage

„Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. “ Dieses 1949 in der Präambel des Grundgesetzes formulierte Ziel wurde mit der Vereinigung der beiden Staaten in Deutschland am 3. Oktober 1990 erreicht. Eine wesentliche Voraussetzung dafür waren die Auflösungs- und Demokratisierungsprozesse im damaligen sowjetischen Machtbereich, die - auch unter dem erheblichen Druck der Ausreisewilligen - den schnellen Zusammenbruch des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems in der DDR zur Folge hatten.
Mit der Herstellung der Einheit in einem demokratischen Staatswesen wurde eine neue Phase der deutschen Geschichte eingeleitet. Außenpolitisch wird sie getragen von einem in internationale Vertragsgemeinschaften eingebundenen Staat, der die uneingeschränkte völkerrechtliche Souveränität besitzt und dessen Grenzen durch entsprechende vertragliche Bestimmungen festgelegt sind. Innenpolitisch stand an ihrem Anfang ein in der deutschen Geschichte einzigartiger gewaltfreier Aufstand in der DDR, der zunächst vor allem von Bürgerrechtlern, innerkirchlichen und ökologischen Gruppen, sehr bald aber von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen und zur politischen Macht entwickelt wurde. Im Verlauf dieser Entwicklung ist der Ruf „Wir sind das Volk! “ durch die Willensbekundungen „Wir sind ein Volk! “ und „Deutschland, einig Vaterland! “ ergänzt und schließlich ersetzt worden.
Die Vereinigung hat dazu geführt, dass zwei deutsche Gesellschaften zusammenwachsen müssen, die sich als Folge der 40-jährigen Teilung in wesentlichen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens verschieden entwickelt haben und für eine Übergangszeit auch weiterhin deutliche Unterschiede aufweisen werden. Verständigung und Zusammenwachsen können nur in Rücksichtnahme auf diese Unterschiede gelingen.
Der Vereinigungsprozess vollzieht sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Biographien, Alltagserfahrungen und -interpretationen. Für die Jugendlichen fällt dabei der gegenwärtige Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zusammen mit ihrem Hineinwachsen in die Gesellschaft und ihrem Bestreben, eine eigene, selbstverantwortete Existenz aufzubauen. Die Beschäftigung mit sich hieraus ergebenden Fragen, deren Beantwortung in Folge des Vereinigungsprozesses und aufgrund wirtschaftlicher Strukturveränderungen regional und lokal unterschiedlich ausfallen wird, bietet für die pädagogische Arbeit in der Schule wichtige Anknüpfungspunkte, um Verständnis für die unterschiedlichen Bildungen in den Ländern zu vermitteln sowie Bereitschaft dafür zu wecken, das Zusammenwachsen in Deutschland gemeinsam zu gestalten.