Inhalt

3. Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf

Die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs umfasst die Ermittlung des individuellen Förderbedarfs; sie bereitet die Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort vor. Sie findet statt in der Verantwortung der Schulaufsicht - hierzu gibt es in einigen Ländern unterschiedliche Regelungen -, die entweder selbst über sonderpädagogische Kompetenz verfügt oder fachkundige Beratung hinzuzieht.

3.1 Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs

Bei der Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sind die diagnostischen Fragestellungen auf ein qualitatives und quantitatives Profil der Fördermaßnahmen gerichtet, das Grundlage für eine Empfehlung sein soll. Es sind Art und Umfang des individuellen, auf die Sehschädigung bezogenen Förderbedarfs zu erheben; darüber hinaus sind die gegebenen beziehungsweise die zu organisierenden Formen der Förderung in der Schule abzuklären, die das Kind oder der Jugendliche besucht oder besuchen soll.
Die Feststellung, ob eine Sehschädigung vorliegt, geschieht immer durch eine augenärztliche Untersuchung. Ein Gutachten gibt Auskunft über Art und Umfang der Sehschädigung, insbesondere über
das Sehen in der Ferne,
das Sehen in der Nähe,
das Gesichtsfeld,
den Farbensinn,
den Lichtsinn und die Blendungsempfindlichkeit,
das beidäugige Sehen.
Das Gutachten enthält außerdem Angaben über die notwendigen Korrekturen der Brechungsfehler durch Brillen, Kontaktlinsen oder andere Hilfsmittel und gegebenenfalls über Einschränkungen der physischen Belastbarkeit.
Aufgabe der sehgeschädigtenpädagogischen Überprüfung bei der Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs ist zunächst die Erfassung des funktionalen Sehens. Sie zielt darauf ab, festzustellen wie sehgeschädigte Kinder und Jugendliche mit ihrem verbliebenen Sehvermögen umgehen und welche Erschwerungen der visuellen und interaktiven Bewältigung von unterschiedlichen Alltagssituationen bei ihnen auftreten. Diese pädagogische Überprüfung führt über die augenärztlich ermittelten Ergebnisse hinaus und berücksichtigt Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. Erfahrung, Wissen, kognitive Verarbeitungsstrategien, emotionale Befindlichkeit, Motivation und Einstellungen sowie psychomotorische Fertigkeiten. Beachtet werden auch die nichtvisuellen Sinne.
Beobachtungen im Schulalltag dienen der Diagnostik des funktionalen Sehens einer Schülerin oder eines Schülers. Überprüft werden z.B. die Lichtverhältnisse im Klassenraum, eventuelle Blendungseffekte zu verschiedenen Unterrichtszeiten, der Abstand des Sitzplatzes zur Wandtafel, die Größe der Tafelanschrift und die Farbe der verwendeten Kreiden, dazu der Umgang mit Overhead- und Diaprojektoren, die Notwendigkeit der Verwendung spezieller Stifte und Lineaturen in Heften, auch Schriftgrößen und Kontraste in Büchern und auf Arbeitsbögen sowie die optischen und elektronischen Sehhilfen. Von Wichtigkeit sind eigene Aussagen des sehgeschädigten Kindes oder Jugendlichen über seine visuellen Wahrnehmungsmöglichkeiten, ebenso aufschlussreich können Beobachtungen von Mitschülerinnen und Mitschülern sein.
Für den Unterricht in den verschiedenen Fächern wird ermittelt, welche Inhalte unverändert bearbeitet werden können, welche Modifikationen von Inhalten, Methoden und Techniken erforderlich sind. Außerdem ist festzulegen, welche spezifischen Inhalte und Verfahrensweisen, die nicht in den üblichen Bildungsplänen vorgesehen sind, zusätzlich vermittelt werden sollen. Beispiele sind der Erwerb Lebenspraktischer Fertigkeiten sowie ein spezielles Orientierungs- und Mobilitätstraining.
Es ist zu klären und zu begründen, welche Hilfsmittel unentbehrlich sind und wer die Einübung in ihren Gebrauch sicherstellt. Im Einzelfall ist festzustellen, ob besondere bauliche Maßnahmen vorgenommen werden müssen, z.B. bei einer zusätzlich zur Sehschädigung bestehenden Körperbehinderung. Geht eine Hörschädigung einher, ist zu prüfen, welche sehgeschädigten- und welche hörgeschädigtenspezifischen Hilfsmittel notwendig sind und ob Hilfen infrage kommen, deren Einsatz keine visuelle und keine auditive Wahrnehmungsfähigkeit voraussetzt. Aussagen über Umfang und Art spezifischer personeller Unterstützung sind erforderlich.
Bei der Bearbeitung mündlicher, schriftlicher und praktischer Aufgaben in Unterricht, Ausbildung und Prüfungssituationen kann für die einzelne Schülerin beziehungsweise den einzelnen Schüler ein der Beeinträchtigung entsprechender Nachteilsausgleich gewährt werden. Dazu gehören z.B. Zeitzugabe, Verwendung optischer und elektronischer Hilfsmittel sowie speziell angepasster Medien. Leistungsnachweise können gegebenenfalls in anderer Form erbracht werden, z.B. kann anstatt einer schriftlichen Prüfung eine mündliche abgelegt werden. Außerdem können andere Unterstützungsformen, wie Vorlesedienste, Gewährung eines Sondertermins oder eines besonderen Raumes erforderlich sein, um Nachteile, die aus Art und Schwere einer Behinderung entstehen, auszugleichen.
Das Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs wird von den Eltern, den volljährigen Schülerinnen und Schülern selbst, der Schule oder von anderen zuständigen Diensten beantragt und bezieht die Befähigungen und Erkenntnisse der an der Förderung und Unterrichtung beteiligten beziehungsweise zu beteiligenden Personen ein. Die Erkenntnisse und Daten über den sonderpädagogischen Förderbedarf werden interdisziplinär gewichtet und abgestimmt sowie unter Berücksichtigung der Stellungnahme der Eltern zu einer Empfehlung an die zuständige Schulaufsicht zusammengefasst. Sie enthält Aussagen darüber, nach welchem Bildungsgang die Schülerin oder der Schüler zu unterrichten ist. Die Empfehlung mündet in einen individuellen Förderplan.

3.2 Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort

Auf der Grundlage der Empfehlung, unter Beteiligung der Eltern und gegebenenfalls der Schülerin beziehungsweise des Schülers sowie unter Beachtung der Rahmenbedingungen entscheidet die Schulaufsicht, ob die Schülerin oder der Schüler in die allgemeine Schule aufgenommen wird, dort verbleibt oder Unterricht und Förderung in einer Schule für Blinde beziehungsweise für Sehbehinderte oder in einer Sonderschule anderer Art erhält. In die Entscheidung kann auch die Inanspruchnahme von Einrichtungen mit ergänzenden Betreuungs- oder Ganztagsangeboten einbezogen werden. Dabei sind bei jeder einzelnen Entscheidung zu berücksichtigen:
Art und Umfang des Förderbedarfs,
Stellungnahme der Eltern, gegebenenfalls beratender Gremien,
Fördermöglichkeiten der allgemeinen Schule,
Verfügbarkeit des erforderlichen sehgeschädigtenpädagogischen Personals,
Verfügbarkeit von Hilfsmitteln, speziellen Lehr und Lernmitteln, gegebenenfalls räumlich-baulicher Gegebenheiten.
Bei Schülerinnen und Schülern mit zusätzlichem Förderbedarf in den Bereichen Lern- und Leistungsverhalten wie auch geistige Entwicklung trifft die Schul, aufsieht auf der Grundlage des sonderpädagogischen Gutachtens eine Entscheidung über den entsprechen, den Bildungsgang. Prinzipiell ist derjenige Lernort zu wählen, an dem den Förderbedürfnissen und der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes beziehungsweise Jugendlichen auf bestmögliche Weise Rechnung getragen wird und an dem die soziale Eingliederung, die Vorbereitung auf berufliche Anforderungen und die Berufsausbildung gewährleistet sind. Die Entscheidung über den individuellen Förderbedarf erfordert in geeigneten Abständen eine Überprüfung.