in Kraft ab: 30.06.1999

3. Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf

Sonderpädagogischer Förderbedarf wird im Rahmen einer interdisziplinären Verlaufsdiagnostik ermittelt, die an förder- und entwicklungsdiagnostischen Kriterien orientiert ist.
Dabei werden verschiedene Förderschwerpunkte berücksichtigt und aufeinander abgestimmt.
Die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs umfasst die Erhebung des individuellen Förderbedarfs sowie die Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort. Bei Kindern und Jugendlichen mit schwerer Mehrfachbehinderung ist im Rahmen des diagnostischen Prozesses die weit reichende Erfahrungs- und Interpretationskompetenz der Eltern von besonderer Bedeutung für die Erhebung und Bewertung der Ausgangslage. Die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs findet in der Verantwortung von Schule und Schulaufsicht statt, die entweder selbst über sonderpädagogische Kompetenz verfügen oder fachkundige Beratung hinzuziehen. Lernausgangslage und Lernentwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung werden durch eine begleitende Diagnostik geklärt. Der auf den sonderpädagogischen Förderbedarf bezogene individuelle Förderplan wird in interdisziplinärer Zusammenarbeit erstellt und fortgeschrieben.

3.1 Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs

Die Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs geschieht interdisziplinär unter Mitwirkung der Eltern und all derjenigen, die an der Förderung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen beteiligt sind, und bezieht die medizinische Diagnose mit ein.
Das Verfahren zur Erhebung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Sinne einer Kind-Umfeld-Analyse erfasst:
den Entwicklungsverlauf im soziokulturellen Umfeld,
den Entwicklungsstand in Bezug auf Motorik, Sensorik, Kognition, Kommunikation einschließlich der Sprache, auf Emotionalität und Sozialkompetenz sowie Lern- und Leistungsverhalten und deren Wechselwirkungen,
das schulische Umfeld und dessen Veränderungsmöglichkeiten,
das Auswerten der medizinischen Anamnese und Diagnose,
den räumlichen Bedarf und die technisch-materielle Ausstattung,
den therapeutischen und sozialpädagogischen Bedarf sowie den Bedarf im Bereich der Pflege,
die Bewältigung des Schulweges.
Hierbei werden Informationen, sofern sie für die schulische Förderung bedeutsam sind, zu folgenden Bereichen erhoben:
zur Orientierungsfähigkeit im Raum und hinsichtlich des eigenen Körpers,
zur Bewegungsfähigkeit beim Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen,
zur Bewegungsfähigkeit beim Greifen, Halten, Loslassen,
zu den Fernsinnen Sehen und Hören, zu den Nahsinnen Schmecken, Riechen und Tasten,
zur Wahrnehmungsverarbeitung und senso-motorischen Koordination,
zu Raumvorstellung und zeitlichen Strukturen,
zu Interaktionsfähigkeit, sprachlichem Handeln und Sprechvermögen,
zu Hilfsmittelversorgung und Medikation,
zur familiären Situation und sozialen Einbindung,
zur emotionalen Befindlichkeit und Ausdrucksfähigkeit,
zu Interessen und Neigungen,
zu Aneignungsweisen und Handlungskompetenzen,
zur Selbstständigkeit bei Verrichtungen des Alltags,
zum Entwicklungsverlauf und zum aktuellen schulischen Leistungsstand,
zum schulischen Umfeld und zu Möglichkeiten seiner Veränderung,
zu körperlichen und gesundheitlichen Gegebenheiten.
Bei der Erhebung des Förderbedarfs sind das Kind und der Jugendliche nicht unter dem Blickwinkel der Beeinträchtigung zu sehen, sondern als ganzheitlich Handelnde und Gestaltende der eigenen Entwicklung. Die gewonnenen Erkenntnisse und Befunde gehen in die Beratungen mit den Eltern, ggf. mit der volljährigen Schülerin bzw. dem volljährigen Schüler zur Entscheidungsfindung ein. Von einer im Förderschwerpunkt ausgebildeten Lehrkraft werden die Ergebnisse in einem sonderpädagogischen Gutachten zusammengefasst und bewertet. Dieses Gutachten berücksichtigt die Stellungnahmen der an der Förderung der Schülerin bzw. des Schülers beteiligten Personen und es wird der Schulaufsicht mit einer Empfehlung zu einer Entscheidung über die sonderpädagogischen Fördermaßnahmen vorgelegt. Bei dieser Entscheidung werden berücksichtigt:
Art und Umfang des Förderbedarfs,
Ergebnisse der Beratung mit den Eltern, ggf. mit der Schülerin bzw. dem Schüler und an deren Beteiligten,
Fördermöglichkeiten der allgemeinen Schule soweit nach Länderregelung Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung in allgemeinen Schulen unterrichtet werden, bzw. der Sonderschule,
Verfügbarkeit des erforderlichen Personals,
Verfügbarkeit technischer und apparativer Hilfsmittel sowie spezieller Lehr- und Lernmittel,
Baulich-räumliche Voraussetzungen.

3.2 Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort

Auf der Grundlage der Empfehlung und unter Einbeziehung der Eltern - bei Volljährigkeit der Schülerin bzw. des Schülers - entscheidet die Schulaufsicht1über den Bildungsweg und in welcher Schule das Kind oder der Jugendliche gefördert werden kann.
Die sonderpädagogische Förderung kann in Sonderschulen oder in allgemeinen Schulen erfolgen. Einige Landesgesetze geben dem gemeinsamen Unterricht den Vorzug. In jedem Fall müssen die notwendigen sächlichen, räumlichen und personellen Voraussetzungen gegeben sein. Sie sind im Vorfeld einer Entscheidung der Schulaufsicht im Zusammenwirken mit den Erziehungsberechtigten, ggf. mit anderen Kostenträgern, wie Schulträger, Krankenkasse, Pflegekasse, Sozialhilfe und Jugendhilfeträger abzuklären und sie beeinflussen die Wahl der geeigneten Schule.
Alle Entscheidungen über den individuellen sonderpädagogischen Förderbedarf erfordern eine Überprüfung in geeigneten Abständen.

1 [Amtl. Anm.:] Hierzu gibt es in den einzelnen Ländern unterschiedliche Regelungen.