Inhalt

1.  Ziele und Aufgaben

1.1  Allgemeines

Alle Kinder und Jugendlichen haben - unabhängig von Art und Schweregrad ihrer Behinderung - das Recht auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung.
Sonderpädagogische Förderung verwirklicht dieses Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Bereich der körperlichen und motorischen Entwicklung, des Umgehen-Könnens mit erheblichen Beeinträchtigungen im Bereich der Bewegung und mit körperlicher Behinderung auf eine ihren individuellen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung. Sie orientiert sich an den Bildungs- und Erziehungszielen der allgemeinen Schulen. Soweit erforderlich, bilden die Bildungspläne anderer Sonderschulen die Arbeitsgrundlage für die Förderung der Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus hat sie eigenständige Bildungsaufgaben zu erfüllen, die sich aus der Lebenswirklichkeit und dem künftigen Leben der Kinder und Jugendlichen mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen ergeben.
Sonderpädagogische Förderung unterstützt und begleitet Schülerinnen und Schüler - auch die mit einer schweren Mehrfachbehinderung - durch individuelle Hilfen beim Erkennen eigener Handlungsmöglichkeiten und bei der Erweiterung der Fähigkeiten zum Handeln. Die eingeschränkten Ausdrucks-, Bewegungs- und Kommunikationsmöglichkeiten haben Auswirkungen auf die Selbstentfaltung und das soziale Umfeld; die Schülerinnen und Schüler sollen jedoch Kompensationsformen und Hilfen zur Bewältigung eines erschwerten Lebens erlernen. Sonderpädagogische Förderung trägt dazu bei, trotz behinderungsbedingter Abhängigkeiten zur größtmöglichen Eigenständigkeit zu finden und die individuellen Entwicklungspotenziale zu nutzen, um Fähigkeiten, Können, Wissen zu erwerben.
Sonderpädagogische Förderung hat zudem die Aufgabe, diesen Schülerinnen und Schülern die unmittelbare Begegnung und Auseinandersetzung mit ihren Wünschen und Vorstellungen in Gesellschaft, Schule, Freizeit, Beschäftigung und Arbeitsleben zu ermöglichen. Sie sollen erfahren, dass sowohl in der menschlichen Begegnung als auch im Eingebettetsein in Natur, Kultur und Weltanschauung wertstiftende Elemente für ein sinnerfülltes Leben zu finden sind. Sonderpädagogische Förderung soll somit auch zu einer verantwortlichen Gestaltung des erschwerten Lebens und zur Wahrnehmung von Rechten und Pflichten in der Gesellschaft befähigen.

1.2  Pädagogische Ausgangslage

Im Zusammenhang mit den für Erziehung und Unterricht bedeutsamen, in Art und Grad unterschiedlich beeinträchtigten Bewegungsmöglichkeiten kann es zu veränderten Ausgangslagen in anderen Entwicklungsbereichen kommen, die bis zur vollständigen Pflegebedürftigkeit führen können.
Eine körperliche und motorische Beeinträchtigung kann unmittelbare Auswirkungen auf grundlegende Entwicklungsbereiche haben und zwar auf
die Reflexauslösung und ihre Verknüpfung,
die Anregung des Bewegungs- und Lagesinnes sowie den Aufbau von Stell- und Gleichgewichtsreaktionen,
die Veränderung von Muskelkraft und Gelenkstellungen,
die Integration der Sinne Riechen, Schmecken, Fühlen, Tasten, Hören, Sehen sowie die Verarbeitung von Wahrnehmungsprozessen,
die Entwicklung des Körperschemas, z.B. die Sicherheit in der Körperkontrolle und Körperwahrnehmung, bewusste Körperkenntnis und Steuerung des Körpergefühls, die Körperorientierung, die Raumvorstellung und -Orientierung sowie Rechts-Links-Unterscheidungen,
die Ausbildung der Bewegungswahrnehmung, die Bewegungsplanung, die Koordination von Bewegungen,
den Aufbau von Bewegungsmustern, so z.B. die Abstimmung der Bewegungen beim Kriechen, Gehen, Hüpfen, Springen, Laufen, Greifen, Werfen, Sitzen, Liegen, Festhalten.
Die verschiedenen Arten und Formen der körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen können verbunden sein mit vielfältigen Folgen und Begleiterscheinungen:
Einschränkung der Mobilität, der Möglichkeit, Entfernungen selbst zu überwinden und Handlungen selbstständig auszuführen,
bewegungsbedingte Einengungen bei der Bewältigung der unterrichtlichen und lebenspraktischen Aufgaben, .
im Vergleich mit altersorientierten Erwartungen veränderte kognitive Fähigkeiten, verändertes Lernvermögen und verändert ablaufende Wahrnehmungsprozesse,
erschwerte Entwicklung eines Körperbildes und Körperbewusstseins,
eingeschränkte körperliche Belastbarkeit und Konzentration,
Hemmnisse bei alltäglichen Verrichtungen,
erschwerter Aufbau des Selbstwertgefühls, der Motivation und einer realistischen Selbsteinschätzung,
schwer interpretierbare Ausdrucks- und Kommunikationsformen,
Erschwerung der emotionalen Entwicklung,
Erschwerung der sozialen Integration und der Begegnung mit anderen Menschen,
Ablehnung in der Gesellschaft wegen des durch die physiologischen Umstände geprägten anderen Aussehens und Verhaltens,
eingeschränkte Teilnahme an Freizeitangeboten,
eingegrenzte Berufs-, Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten,
Verzögerung der geschlechtlichen Entwicklung und Erschwerungen bei der Verwirklichung eines befriedigenden Sexuallebens.
Sonderpädagogische Förderung hat im Rahmen von Erziehung und Unterricht daher die Aufgabe, in lebensbedeutsamen Handlungsfeldern vielfältige Wahrnehmungs- und Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen und auszugestalten. Hierbei ist die Herausbildung von kognitiven Strukturen zu unterstützen, wie Körperschema, räumliche und zeitliche Strukturen, Formen und Gestalten. Sie trägt zu Konzentrations- und Anstrengungsbereitschaft bei und schafft Gelegenheiten, Dinge und Personen mit der nötigen inneren Sammlung und Ruhe betrachten zu können und dabei die Aufmerksamkeit auch auf einzelne Sinnesfunktionen zu richten.
Darüber hinaus hat die sonderpädagogische Förderung Situationen zu schaffen, die auf neurophysiologischer Basis Handlungs- und Bewegungsabläufe erleichtern und so Muskelspannung bzw. -entspannung und die Bewegungskoordination verbessern. Sie soll die Belastbarkeit und Ausdauer steigern, die Phantasie und Kreativität entfalten, die notwendig sind zur Ausschöpfung der persönlichen Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten. Sonderpädagogische Förderung hat Anregungen zum Aufbau von kommunikativ-sprachlichem Handeln zu geben, soll unterschiedliche soziale und emotionale Erfahrungen vermitteln und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Rollen unterstützen.
Es ist Aufgabe sonderpädagogischer Förderung, die charakteristische Beeinträchtigung in der Bewegungs-, Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit mit ihren Auswirkungen auf andere Entwicklungsbereiche zu analysieren und die Bedeutung der Behinderung für den Bildungsgang und den Lebensweg des Kindes und Jugendlichen einzuschätzen.
Weiterhin ist es Aufgabe sonderpädagogischer Förderung, Erziehung und Unterricht so zu verwirklichen, dass die Schülerinnen und Schüler im Rahmen ihrer Möglichkeiten fähig werden, ein Leben mit einer körperlichen und motorischen Beeinträchtigung sinnerfüllt und weitestgehend selbstverantwortlich zu führen und zu gestalten.
Sonderpädagogische Förderung trägt dazu bei, dass Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen und motorischen Beeinträchtigung zu einem positiven Selbstwertgefühl gelangen und selbstbewusste Persönlichkeiten werden. Dies bedeutet, dass Hilfen zu geben sind mit dem Ziel, bestehende Abhängigkeiten und Hemmnisse so weit wie möglich zu überwinden und bei der Gestaltung des Unterrichts und des Schullebens Freiräume und Entscheidungsmöglichkeiten auszuschöpfen, damit die zielentsprechenden Aufgabenschwerpunkte gesetzt werden können.
Bei einer schweren Mehrfachbehinderung ist von besonders umfänglichen körperlichen, motorischen und zusätzlichen Beeinträchtigungen auszugehen. In solchen Fällen kann das Entwicklungsalter weit unter dem Lebensalter liegen, sodass schwerpunktmäßig die Entwicklung der individuellen basalen Fähigkeiten, deren Ausdifferenzierung sowie die Anbahnung von Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten im Mittelpunkt stehen.
Dabei ist auch zu beachten, dass diese Kinder und Jugendlichen in besonderer Weise auf menschliche Zuwendung bei der Förderung angewiesen sind, um sich entwickeln zu können.
Dazu gehört auch die körperliche Annahme. Sie brauchen Bezugspersonen, die sie in ihren individuellen Ausdrucksformen verstehen und annehmen, die sie in die Umwelt begleiten und ihnen durch körperliche Nähe Wahrnehmung und Beziehung zu Dingen und Menschen vermitteln und die sie zuverlässig versorgen und pflegen.