Inhalt

1. Ziele und Aufgaben

1.1 Allgemeines

Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Schwerpunkt Sehen, visuelle Wahrnehmung und Umgehen-Können mit einer Sehschädigung auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie soll dazu beitragen, Schülerinnen und Schülern mit Sehschädigungen aller Arten und Grade die Umwelt zu erschließen und die Entwicklung von Orientierung und Verhalten bei Anforderungen des Alltags in bekannter und unbekannter Umgebung zu fördern. Aus diesem Grunde werden Sehfähigkeiten entwickelt und gefördert, die Ausbildung der Mobilität und der Erwerb Lebenspraktischer Fertigkeiten sowie Begriffsbildung und Kommunikationstechniken besonders unterstützt. Die sonderpädagogische Förderung ist darauf angelegt, die Identitätsfindung der sehgeschädigten und wahrnehmungsgestörten jungen Menschen zu unterstützen. Ziel ist dabei, ein möglichst hohes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbstständiger Lebensgestaltung zu gewährleisten.
Unter pädagogischem Aspekt sind Sehen und visuelle Wahrnehmung Bezeichnungen für die Vorgänge und die Ergebnisse von Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung visueller Eindrücke, die mithilfe des Sehorgans in der Verknüpfung mit zentralen Funktionen stattfinden. Zum Sehorgan gehören Augen, Sehbahnen und die Sehzentren im Gehirn.
Sehschädigungen zeigen sich in unterschiedlichen Arten und Graden der Herabsetzung des Sehvermögens bis hin zum Ausfall des Sehens bei Vollblindheit. In einer stark auf Visualität ausgerichteten Umwelt ist das Umgehen-Können mit einer Sehschädigung von besonderer Bedeutung. Die Betroffenen sollen befähigt werden, ein Leben mit einer Sehschädigung sowohl in sozialer Begegnung mit nichtbehinderten als auch mit sehgeschädigten Menschen sinnerfüllt zu gestalten und - wann immer möglich - sich aktiv mit den Auswirkungen der Schädigung auseinanderzusetzen und Kompensationsmöglichkeiten auszuschöpfen.
Sonderpädagogische Förderung orientiert sich an der individuellen und sozialen Situation des sehgeschädigten Kindes beziehungsweise Jugendlichen. Sie muss die persönlichkeits- und sozialbezogene Vorbereitung auf künftige Lebenssituationen einschließen und dazu beitragen, dass sehgeschädigte junge Menschen Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen. Sonderpädagogische Förderung gibt daher begleitende, auf die Schädigung bezogene Hilfen mit dem Ziel, bestehende Abhängigkeiten und Hemmnisse soweit wie möglich zu überwinden.
Sonderpädagogische Förderung bezieht sich auf sehgeschädigte Kinder und Jugendliche aller Altersstufen, von der Frühförderung bis zum Übergang in das Erwachsenenleben; sehgeschädigte junge Menschen mit weiteren Behinderungen sind grundsätzlich einbezogen.

1.2 Pädagogische Ausgangslage

Sehschädigungen können sich in unterschiedlichen Ausprägungen zeigen:
Blinde Kinder und Jugendliche können nicht oder nur in sehr geringem Maße auf der Grundlage visueller Eindrücke lernen. Sie nehmen Informationen aus der Umwelt insbesondere über das Gehör und den Tastsinn sowie über die Sinne der Haut, des Geruchs und des Geschmacks auf. Die kompensierenden Funktionen dieser Sinne können durch geeignete Lernangebote entwickelt und gefördert werden.
Kinder und Jugendliche mit einer Sehbehinderung können ihr eingeschränktes Sehvermögen nutzen. Sie sind in vielen Situationen auf spezielle Hilfen angewiesen. Sie bedürfen besonderer Anleitung, sonderpädagogischer Förderung und technischer Hilfen. Dies kann auch bei Sehbehinderungen geringeren Grades notwendig sein wie bei Beeinträchtigungen des Sehvermögens beider Augen oder bei Einäugigkeit.
In Verbindung mit Sehschädigungen können Beeinträchtigungen und Behinderungen in anderen Bereichen auftreten:
Lern- und Leistungsverhalten,
Sprache und kommunikatives Handeln,
emotionale und soziale Entwicklung,
geistige Entwicklung,
körperliche und motorische Entwicklung.
Hier kann das jeweils individuell geprägte Bedingungsgefüge einer Mehrfachbehinderung gegeben sein.
Sonderpädagogische Förderung hat daher die Aufgabe, Art und Grad der Sehschädigung sowie deren Ausgangslage und Entwicklungsdynamik zu erkennen. Das Ausmaß der Schädigung wird im Einzelfall durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, wie z.B. vom Alter beim Eintritt der Sehschädigung, von der Dauer ihres Bestehens, von der verbliebenen Sehfähigkeit und vom Selbstkonzept des Kindes oder Jugendlichen, von eventuellen zusätzlichen Beeinträchtigungen sowie vom Lern- und Leistungsverhalten, von bereits durchgeführten Fördermaßnahmen, von der Versorgung mit technischen Hilfsmitteln und vom Verhalten der Umwelt.
Besondere Anforderungen an eine individuelle Förderung stellen sehgeschädigte Kinder und Jugendliche mit schwerer Mehrfachbehinderung. Sie können über den Bereich des Sehens und der Wahrnehmung hinaus in allen Entwicklungsbereichen beeinträchtigt sein, sodass mehrere Förderschwerpunkte einzubeziehen sind. Diese Kinder und Jugendlichen bedürfen zusätzlicher individueller Pflegemaßnahmen und therapeutischer Hilfen; ihrer Lebensweise ist die Gestaltung des Tagesablaufes mit Unterricht, Therapie, Pflege und Ruhepausen anzupassen. Sehgeschädigte Schülerinnen und Schüler mit begrenzter Lebenserwartung benötigen eine umfassende sonderpädagogische Förderung. Sie können häufig aufgrund der speziellen Beeinträchtigungen nicht regelmäßig die Schule besuchen. Die besondere Lebenssituation dieser Schülerinnen und Schüler erfordert eine intensive pädagogische Begleitung auf der Suche nach Möglichkeiten einer sinnvollen Lebensgestaltung und der Befriedigung aktueller Bedürfnisse. Das Lernangebot muss der jeweiligen Lebenslage der Schülerin oder des Schülers entsprechen.